Nach monatelanger Vorbereitung war es am 22. September endlich so weit: Die Demonstration für Datenschutz, gegen den Überwachungsstaat fand statt. Menschen aus ganz Deutschland sind, unter anderem auch mit Charterbussen, angereist um gegen die Vorratsdatenspeicherung und/oder Sicherheitsgesetze, wie der umstrittene Paragraf 129a, der das Bilden einer terroristischen Vereinigung verbietet, zu demonstrieren. Dieser stammt noch aus RAF Zeiten.
Wie viele Menschen teilgenommen haben, schwankt, je nachdem, wer die Geschichte erzählt. Etablierte Medien sprachen ursprünglich von 2.000 Teilnehmern, mussten ihre Zahlen aber schließlich enorm nach oben korrigieren. Laut Polizei beteiligten sich ca. 8.000, laut Veranstaltern 15.000, Stimmen auf Indymedia sprechen teilweise von 20.000 Demonstranten, womit sie allerdings allein dastehen. Eine solch breites Bündnis wurde durch das gefächerte gesellschaftliche Spektrum erreicht, welches von Jungen Liberalen (FDP), Maoisten, Autonomen, Antideutschen, Antiimperialisten, über die Grünen und die Linke bis hin zum CCC führte.
Die Demonstration verlief weitestgehend friedlich, vermutlich einer der Gründe, warum große Medien kaum davon berichten - obwohl gerade sie als Journalisten das Thema doch so viel angeht. Ohne brennende Mülltonnen bringt das wohl keine Kasse. Vermutlich muss man hier die Montagsausgaben abwarten.
Zu Konflikten zwischen Polizei und Demonstranten kam es dennoch - vor allem dem antikapitalistischen Block, der nachfolgend als “Schwarzer Block” bezeichnet wird - aus Einfachheit.
Schon zu Beginn kam es zu Problemen. Laut Berichten, kam es zu Rangeleien vor dem Adlon Hotel, als mehrere Personen weigerten, durchsuchen zu lassen und ihre Ausweise zu zeigen. Dabei sei es zu Zerstörungen bei Tischen und Stühlen gekommen (Laut einem Kommentar auf Netzwelt.org sei dies aber eine “urban legend”). Der Ungehorsam ist nicht verwunderlich, bei einer Demo gegen Überwachung und den Kontrollstaat. Die Polizei habe allerdings laut Heise mit den Demonstrationsveranstaltern abgesprochen nicht zu Filmen. Kameras sollten nur Verwendung finden, sobald es zu schweren Straftaten käme. Daran wurde sich nicht gehalten, denn es gab von Anfang an einen Wagen, der vor dem Demonstrationszug fuhr, als auch massives Filmen der Demonstrationsteilnehmer.

Auch dies ist einer der Gründe, warum ich mich vermummt und in den Schwarzen Block eingereiht habe. Es ist verständlich, wenn man nicht im Fernsehen oder auf Polizeivideos auftauchen will. Gerade bei letzterem ist die Angst in ein Raster zu fallen und observiert zu werden groß und nicht unberechtigt. Anonymität ist wichtig und richtig. Gerade bei einer Demo gegen Überwachung muss hiermit gerechnet werden.
Die Vermummung der Polizisten steht zusätzlich in eklatantem Widerspruch. Fälle von Polizeigewalt lassen sich so kaum aufklären, da ein Polizist nicht eindeutig identifiziert werden kann.
Umso unverständlicher die Reaktion eines Mitorganisators als auch eines Mitdemonstranten. Tatsächlich wurde ich von einem Mann, der anscheinend zu den demonstrierenden Ärzten gehörte, gebeten, meine Kapuze abzunehmen. Es sei doch ein schöner Tag und ich ein braver Bürger. Frappierend die Ähnlichkeit hierbei zur Argumentation von Überwachungsfans: “Wenn man nichts getan hat, hat man auch nichts zu befürchten!” Da stellt sich tatsächlich die Frage, wieso der Herr überhaupt mitdemonstriert? Hat er den Rednern mit ihren, mehr oder minder qualitativen Aussagen, nicht zugehört? Hat er die Gefahr der Überwachung insgesamt nicht erkannt? Vermutlich ging es ihm darum, dass er die friedliche Demo nicht mit möglicherweise gewaltbereiten Chaoten in Verbindung gesehen haben wollte!
Interessant hierbei allerdings, dass es diese gewaltbereiten Chaoten gar nicht gab. Selbst der Schwarze Block demonstrierte friedlich. Es herrschte zwar eine gereizte Stimmung - das Motto des Blocks hieß schließlich auch “No Justice - No Peace” - und Parolen richteten sich oftmals auch gegen die anwesende Polizei: “Haut ab!”, “Helm ab - Hirn rein!” - “ACAB!”, “No Justice! No Peace! Fight the Police!” usw. Allerdings ist Anderes beim linksradikalen Spektrum, welches die Polizei als Teil des Systems begreift, nicht zu erwarten.
Die Aggressivität erschöpfte sich jedoch in Worten und Parolen. Anmerkung hierbei: Diese Parolen erfüllen weder den Tatbestand der Beamtenbeleidigung - ein ohnehin autoritärer und überzogener Paragraf, der der Polizei mehr Rechte am Rande der Legalität ermöglicht, noch rufen sie zu Gewalt (und damit einer Straftat) auf. Sie fallen daher in den Bereich der freien Meinungsäußerung. Ein wichtiger Punkt bei dieser Demonstration, betrachtet man vor allem die “Kritik” im Netzpolitik Blog und den Kommentaren.
Für die ausgelebten Aggressionen von Teilen des “schwarzen Blocks” habe ich wenig Verständnis. Am Anfang verzögerte sich die Demonstration um eine gute Stunde, weil es am Pariser Platz vor dem Adlon leider ein Baustellen-Nadelöhr gab und es zum üblichen Demonstrations-Ritual “schwarz gegen grün” kam. Und leider hat sich die Polizei auch mal wieder provozieren lassen.
In den Kommentaren stand dann so Etwas:
Sorry, Krempel, aber wenn man gegen das Vermummungsgesetz verstößt, wenn Transparente höher als 1,5 Meter verboten sind und man sich dann aber trotzdem hinter mannshohen Seitentransparenten verkriecht, dann provoziert man. Das ist einfach so.
Interessant, dass der Schutz vor Überwachung jetzt als Provokation gewertet wird. Hier wird nicht ansatzweise hinterfragt, warum es getan wurde. Das die Gründe der Vermummung in der massiven Überwachung zu suchen sind, scheint hier nicht zu stören. Schutz und ziviler Ungehorsam wird hier als Provokation geführt, als schlecht. Jegliche Kritik wird hiermit delegitmiert - und das Einschreiten der Polizei als Etwas gewertet, was seine berechtigte Grundlage hatte.
Wie leicht muss eine ausgebildete Polizei mit “Deeskalationsstrategie” zu provozieren sein, dass sie deswegen auf Demonstranten und Journalisten einprügelt? Und wie erklärt man sich, dass diese Vermummung und diese Banner zwar von Anfang der Demo - mehrere Stunden also - getragen wurden, aber erst auf dem Rückweg eingegriffen wurde? Ist der Gedankengang, dass die Polizei es darauf ausgelegt hat, denn so entfernt? Diese Zeugenaussage in den Kommentaren unterstützt diese These:
Mir hat der Polizist an den Kopf geworfen “Sagen Sie nachher nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt!” Also wußten die Polizisten vorher schon, dass es zu Ausschreitungen kommen *sollte*. Anders kann ich solche Sprüche nicht interpretieren.
Sinnvolle Kritik scheint nur kurz durch:
Und mir konnte bisher auch niemand logisch begründen, weshalb man diese Demonstraion mit kleinen Holzlatten und Stahlknüppel bewaffnet besucht. Davon habe ich im Laufe des Zuges einige gesehen, die meist in den Gürteln steckten und wo kleine Wimpel dranhingen. Nicht nur am Abschluss an der Bühne.
Da sich die Berichte über bewaffnete Autonome in mehreren Medien finden lassen, könnte dies der Wahrheit entsprechen. Angegriffen wurde damit jedoch nicht, insofern ist es provozierend, allerdings kein Angriff.
Dabei wurde von einem Musikwagen des schwarzen Blocks auch noch eher eskalationssteigernde Musik laut gespielt. Das war vorher anders ausgemacht. Die Bereitschaft von Deeskalation muss meiner Meinung nach von beiden Seiten ausgehen. Und wenn Veranstalter versuchen, die leicht ausgebrachte Menge mit einem Megaphon zu beruhigen um die Demo in Gang zu setzen, was nicht gehört werden kann, weil der Musikwagen die Musik aufdreht, dann finde ich das auch nicht Ordnung.
Erwähnung finden muss hierbei allerdings der Fakt, dass der Wagen des Schwarzen Blocks im Laufe der Demo immer wieder zur Ruhe gerufen hat und darum bat sich und die Anderen zu schützen. Persönlich konnte ich keine Eskalationssteigernde Musik vernehmen. Das kann allerdings auch im Ohr des Betrachters liegen.
Doch die Frage, wer nun provoziert hat und wer nicht ist letztlich sekundär. Provozieren ist nicht nett und auch ganz schön gemein - aber es brennt nicht in den Augen, es verursacht keine blauen Augen und auch keine roten Oberkörper. Die wurden versursacht durch Knüppel, Reizgas und gepanzerte Fäuste. Nachdem bereits mehrere Personen auf dem Weg zurück zum Brandenburger Tor festgenommen wurden, weil sie gegen das Vermummungsverbot verstoßen hätten, forderten sich auch die Linksradikalen gegenseitig auf, ihre Vermummung abzulegen um der Polizei keine gesetzliche Legitimation zu geben. Die brauchten sie jedoch offensichtlich nicht, denn eingegriffen wurde trotzdem. Nachdem der Schwarze Block eingekesselt und von der restlichen Demonstration isoliert wurde, griffen die Einheiten von rechts - vermutlich - willkürlich rein um Personen festzunehmen. Hundertprozentig zu sehen war dies für mich nicht, jedoch stand ich nur zwei, drei Meter entfernt im Block und konnte sowohl die starrenden Touristen sehen, als auch den plötzlichen Eingriff der Polizei. Unter Rufen vom Block (”Haut ab!”) griffen sie sich immer wieder Demonstranten - ausgerechnet direkt neben dem Denkmal der Bücherverbrennung, wo die Ordner des Schwarzen Blocks per Lautsprecher um Ruhe baten; aus Respekt.
Diese Ruhe konnt nicht gehalten werden, links und rechts drückte es, einige riefen, dass sie keine Luft mehr bekämen. Wir (ich und vier Andere) konnten uns schließlich doch noch aus dem Block befreien und suchten erstmal unsere Ruhe.
Plötzlich schien die Situation ein weiteres Mal zu eskalieren, als jemand einem Polizisten Wasser auf den Helm geschüttet hatte. Die drei getrennten Polizisten holten ihr Pfefferspray heraus und zeigten demonstrativ ihren Schlagstock. Einer der Polizisten rannte zu seiner Truppe, schubste dabei völlig Unbeteiligte mit der vollen Kraft seiner Panzerung zur Seite. Danach lief die über 25 Mann starke Gruppe Uniformierter zu den anderen Beiden um sie zu schützen. Scheinbar hatte man Angst, dass die völlig zerstreuten, unvermummten und nicht dem radikalen Spektrum angehörenden Demonstranten auf die zwei stark gepanzerten Polizisten losgehen.
Wir entfernten uns, liefen weiter und beobachteten dann aus einiger Entfernung einen weiteren Zusammenstoß. Es kam wohl zu starkem Reizgaseinsatz und Tonfaschlägen, sodass die Ordner des Schwarzen Blocks die Demonstration aus Sicherheitsgründen auflösten - man wollte die Mitdemonstranten nicht noch weiter gefährden.
All das, was ich hier berichtet habe, sind meine persönlichen Impressionen. Meist war ich in direkter Nähe und auch meine relativ unpolitischen Freunde, die vermutlich zum ersten Mal auf einer Demonstration waren, bestätigten meine Eindrücke. Fakten, die ich aus anderen Medien entnommen habe, sind als solche gekennzeichnet (außer sie doppeln sich überall). Alles zu beobachten war natürlich unmöglich.
Zweifelsfrei ist für mich allerdings: Die Berliner Polizei hat weder die Absprachen beachtet, noch deeskalierend gehandelt noch Rücksicht genommen. Im Gegenteil, sie sind immer wieder auf den Schwarzen Block los und haben fadenscheinige Begründungen genutzt um die Situation eskalieren zu lassen. Datenschutz, der in dem Fall mit zivilem Ungehorsam gleichzusetzen ist, wurde als Legitimation genommen auf ungeschützte Demonstranten einzuschlagen (teilweise erhoben sie zum Zeichen ihrer fehlenden Bewaffnung gar die Hände). Dinge, die bereits stundenlang Realität waren, sind plötzlich Grund zum Eingriff.
Fehlende Solidarität mit den Angegriffen aufgrund einer staatsfetischistischen Haltung von den Veranstaltern spaltet das Bündnis, bevor es überhaupt wirklich besteht. Mögliche Provokation kann weder Entschuldigung noch Legitimation für die Polizei sein. Dann kein Verständnis für den Schwarzen Block zu zeigen ist schlicht heuchlerisch. Wer nicht begreift, dass Datenschutz bei der Demo anfängt, der hat den eigenen Protest nicht verstanden. Der braucht sich nicht über ein mögliches 1984 beschweren. Überwachung endet nicht bei Schäuble.
Ein ausführlicher Bericht + Kritik auf Indymedia. Vor allem in den Ergänzungen sind viele Zeugenaussagen zu finden.
Mögliche Behandlung des Einsatzes im Parlament
Berichte über antisemitisches Beleidigungen durch Polizisten (und in der Jungen Welt…die Eigenwerbung + den Ausdruck bitte nicht beachten)
Bericht in der Taz und Warnung bzgl. Telefonseelsorge
Focus übernimmt Behauptungen der Polizei unhinterfragt
Zeugenaussage zur Demo, die meine Aussagen unterstützen
Bericht eines Ordners über die Angriffe der Polizei
Ein weiterer Kommentar, der die Polizei in ein schlechtes Licht stellt
Unterstützender Kommentar auf Heise
Ein erneuter Indymedia Kommentar inklusive Bilderlinks!
Ich bin in diesem Falle sehr, sehr dankbar für Ergänzungen und Kommentare, da ich mir sicher bin etwas vergessen zu haben. Auch Zeugenaussagen sind gern gesehen! Ich kann nicht alles wissen.
PS: (mögliche) Grammatik-, Rechtschreib- und sogar inhaltliche Fehler werden heute abend berichtigt. Inhaltliche Fehler oder Falschmeldungen werde ich anzeigen.