Kein Mensch ist illegal!

Auch ich spiele persönlich sehr gerne. Ich beachte dabei nicht mal meine eigenen moralischen Grenzen. Die gibt es beim Spielen nicht. Solange ich weiß, dass es nicht die Realität ist und ich die Schlechtigkeit der Taten Nr. 47s erkenne ist das kein Problem. Spiele lösen schließlich aus dem Alltag. Oder?
Nicht bei „Unter Uns“ – einem Spiel über illegale Immigranten in Deutschland. Kleine, bunte Figuren mit Koffern in den Händen, die die Köpfe hoffnungslos senken bewegen sich auf einem Spielfeld bewegen, dass grau in grau gehalten ist. Mit diesen kleinen Spielfiguren erlebt man die Situation von schätzungsweise 500.000 bis eine Million Einwanderern hier in Deutschland: Justizwillkür, Schwarzarbeit, in „einem fremden Land leben, das einem Schutz bietet und sich dort gleichzeitig nicht aufhalten zu dürfen“1
Diese Menschen haben keine rechtliche Unterstützung, ihr Leben ist ungewiss, da sie ständig in der Gefahr leben enttarnt und ausgewiesen zu werden. Ihre Wohnungen sind sowohl in Abriss-, aber auch Miethäusern zu finden. Die Rechtlosigkeit wird von Vermietern oftmals ausgenutzt, die für grausame Wohnbedingungen horrende Preis verlangen und mehrere Menschen auf kleinsten Raum zwängen. Faktisch wechseln sie jedoch oft ihren Wohnsitz um nicht entdeckt zu werden.
Für sie eine Verbindung zu Flüchtlingsgruppen derselben Religion oder Ethnie nötig, um einen Arbeitsplatz zu bekommen. Um jegliche Aufmerksamkeit zu vermeiden besteht kein Kontakt zu Behörden, Schulen, Ärzten und Krankenhäusern. Zwar besteht auch für „illegale“ Einwanderer ein Grundrecht auf ärztliche Versorgung, dies würde jedoch meist eine Abschiebung nach sich ziehen. Deswegen werden Krankheiten oftmals verdrängt, worunter die gesamte gesundheitliche Situation leidet. Da sich Ärzte strafbar machen, wenn sie „illegale“ Einwanderer anonym behandeln, gibt es nur wenige, die dies tun.
Zusätzlich wird jedwedes Gesetz eingehalten um ja keine Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst rote Ampeln zu missachten ist tabu. Erschwert wird ihre gesamte Situation durch die Schleuserbanden, die sie oftmals noch später zwingen für sie zu arbeiten. Häufig sind es Frauen, die unter falschen Versprechungen her gelockt wurden und nun in die Prostitution gezwungen werden.

Besonders hart trifft diese Form Einwanderung qualifizierte Fachkräfte, die meist nur schwere körperliche Arbeiten verrichten und sich damit – trotz moralischer und sozialer Verantwortung für Landsleute daheim – quasi deklassieren. Darunter leidet ihre Psyche, wodurch sie ihre Probleme teilweise in die Abhängigkeit führt.
Dieses düstere und doch tagtägliche passierende Szenario bietet die Grundlage für „Unter Uns“. Es führt die Leichtigkeit und den Spaß, den ein Spiel eigentlich bieten sollte ad absurdum und zwingt den Spieler sich mit der nackten Realität auseinander zusetzen. So sollen möglichst viele Informationen im Spiel enthalten sein, auf welche Probleme „illegale“ Einwanderer treffen und was ihnen hilft (s.o.). So wurde konsequent auf taktischen Tiefgang verzichtet um den Umgang mit dem schwierigen Thema nicht unnötig zu erschweren. Das eingebaute Drehrad, dass die Zahl der Schritte bestimmt steht für das Glück – oder Pech -, dass bestimmend ist für das Leben Der Immigranten. Letztlich ist es nämlich genau das, was für ihr weiteres Schicksal verantwortlich ist. Zwar bietet das Spiel eine allgemeine Information über das Leben eines „illegalen“ Immigranten, ist genau genommen aber auf das deutsche Recht ausgerichtet. Denn in anderen europäischen Ländern heißen solche Immigranten nicht „Illegale“. Dort sind es entweder „unregistrierte Personen“ (Großbritannien), „die Heimlichen“ (Italien) oder „Papierlose“ (Frankreich). Denn in kaum einem anderen Land in Europa ist die Immigration derartig schwer. Während hier Menschen auch nach jahrelanger Duldung immer noch einfach so abgeschoben werden können, so geschehen mit Familie Codreanu, während in Spanien oder Frankreich selbst „Papierlose“ nach einem bestimmten Zeitraum einen Pass beantragen können (und diesen dann auch mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommen werden).
Allerdings verändert sich in Europa die Situation immer mehr in eine abgrenzende, nationalistische Richtung. Zwar ist die Reise in europäischen Ländern relativ einfach, die Grenzen Europas sind jedoch gut bewacht und abgegrenzt. Erst vor wenigen Wochen hat die Schweiz eines der härtesten Asylgesetze beschlossen und auch Frankreichs Regierung plant derzeit eine massenhafte Abschiebung von Ausländern. Wobei gerade dort die meisten Menschen langjährig dort lebende Menschen aus alten Kolonien sind.
Und Spanien, dass jahrelang sehr offen und freundlich mit seinen Immigranten umging, wurde immer wieder von Deutschland und anderen EU Ländern kritisiert. Und ganz abgesehen davon hat die derzeitige Regierung Österreichs Rassismus, Fremdenfeindlichkeit gesellschaftsfähig gemacht, immer wieder werden Asylbewerber pauschal kriminalisiert.
Und das ist, was man versucht in diesem Spiel nach zu leben. Das mag makaber sein, doch es zeigt deutlich, dass das Leben als „illegaler“ Immigrant hier auf purem Glück aufbaut und alle möglichen Personen diese schwere Situation ausnutzen.
Verkaufen wird sich dieses Spiel wohl nie. Vielleicht wird es jedoch irgendwann im Unterricht benutzt um mehr Verständnis und Wissen über die Lage dieser Menschen zu fördern. Uns gehört dieses Stück Land nicht und jeder sollte das Recht haben hier zu leben und sein Glück zu finden. In meinen Augen eine tolle Idee dieses oft tabuisierte Thema in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Weiterführend gibt es auf http://www.aktivgegenabschiebung.de/links.html Infos, Links und Termine für den Kampf gegen Abschiebung und für Asyl.

1 http://www.keinpasskeinspass.de/

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