Ich möchte (k)ein Eisbär sein

RTL sagt: „Die Liebe zu wilden Tieren ist wieder da!“ Alle mögen ihn, alle wollen ihn sehen und alle finden ihn natürlich super niedlich. Ist ja auch knuffig, dieser Knut.
Doch Moment? Wilde Tiere? Kann denn ein junges Tier, aufgezogen von Menschen, in einem engen Zoogehege lebend und begafft von Menschenmassen, wirklich wild sein? Wohl kaum. Ich möchte mich hier gar nicht groß über die Artenschutzdebatte auslassen, die im Falle Knuts ausbrach – natürlich ist das nicht artgerecht ihn beim Wärter aufzuziehen. Aber können wir diese Tiere, die verstoßen wurden, einfach umbringen? Ich habe da meine Zweifel. Denn das Grundproblem ist ja der Zoo selbst, der dieses Problem erst schafft. Zwar behaupten zoologische Gärten und Tierparks, dass es ihnen darum gehe, Tierarten zu schützen und die Tiere artgerecht zu behandeln – doch wie viele werden dem gerecht? Vor allem: wie kann Etwas artgerecht bezeichnet werden, dass immer mit Gefangenschaft zu hat? Ein begrenzter Raum, der für Tiere erstmal eines bedeutet: Unfreiheit. Außerdem geht es nicht nicht nur sehr peripher um Artenschutz und das Weiterbilden der Bevölkerung. Denn wie lässt sich mit Artenschutz erklären, dass selbst Tierarten gehalten werden, deren Population nicht einmal ansatzweise gefährdet ist? Und mit welcher Begründung werden die Tiere dann tagtäglich einer Masse von Besuchern ausgesetzt? Diese Frage scheint mir ungeklärt, betrachtet man die Tatsache, dass die meisten Besucher nur wenige Minuten eine Art betrachten – dabei soll es dann zu Beobachtungen des Verhaltens kommen, die Aufschluss über eben jene Tiere gibt? In wenigen Minuten? Zoos und Tierparks sind vor allem dies: Touristenattraktionen und Profitinstitutionen auf Kosten von Lebewesen.
Knut treibt genau das auf den Gipfel. Das Interesse an ihm ist vor allem durch die Medien aufgebaut und als man merkte, dass sich mit dem süßen, kleinen Fratz bares Geld verdienen lässt, potenzierten sich Berichterstattung und damit verbunden Interesse an Knut. Menschenmassen die Knut in der stark begrenzten Besuchszeit beobachten wollen, Fotographen, Kameras, Blogs, tägliche Berichterstattung – es ist unerträglich. Vor allem unerträglich nervig. Ja, es ist ein Eisbär, ja, das ist selten und ja, er ist niedlich. Aber müssen wir deshalb mit Bildern und Berichten derartig überschwemmt werden?
Und ebenso wie der Spaceballs-Flammenwerfer, wird die Gesellschaft auch hier mit sinnlosem Merchandising zugemüllt – und jeder kauft’s. Ist ja gar nicht so dumm. Die Medien bauen massenhaft Interesse auf und nachdem jeder Knuddel-Knut ganz toll und süß findet schmeißt man Kuscheltiere, Karten und Süßigkeiten in Eisbärchenform auf den Markt. Ein Großteil folgt diesem Wahnsinn, selbst sonst völlig Tierdesinteressierte höre ich plötzlich rufen: er ist so niedlich!
Ich wartete bereits darauf, dass man Knut einfach patentiert, am besten mit Genmaterial. Ist durch das TRIPS-Abkommen der WTO vermutlich sogar abgesichert. Und so weit entfernt lag ich mit meiner Vermutung gar nicht – der Berliner Zoo hat Knut den Eisbären – inklusive Namen – rechtlich absichern lassen, damit man ihnen ja keinen Gewinn wegschnappt.
Und Knut kriegt nun auch ein neues Gehege – vermutlich wegen dem Besucherandrang. Aber es geht nicht darum, dass das Alte zu klein war, nein, es soll von allen Seiten einsehbar sein, damit ihn auch jeder begaffen kann. Soll ja niemand zu kurz kommen für sein Geld, nicht?
Ich werde das Gefühl nicht los, dass kein Besucher wirklich hinterfragt, wie gut es dem kleinen Bärchen geht. Es geht nur darum, dass man den kleinen zu Gesicht bekommt, gaffen, starren, Fotos machen. Eine Sensationsgeilheit wie bei Popstars. Die Medien diktieren und alle rennen mit. Jedoch kenne ich den Zoo und ich kenne auch die Gehege. Sie sind vor allem eins: Eng. Der Berliner Zoo liegt in Mitte, da ist schlicht kein Platz. Doch es geht darum dem Zuschauer möglichst viele Tiere vorzuführen. Und möglichst nah. So war es mir bei meinem letzten Besuch (der zum Glück Jahre her ist) möglich zu beobachten, wie eine Horde Kinder gegen die (Plastik-?)Glasscheibe des Gorilla Geheges schlug um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wobei Gehege schon fast zu viel wäre. Es war ein kleiner Raum. Vermutlich nur wenige Quadratmeter größer als mein Zimmer, von der Gestaltung der kalten Wände will ich gar nicht reden.
Ähnlich dürfte es mit dem Bärengehege aussehen. Sobald Knut etwas älter wird und sich bewegen wird, bleibt ihm eben dies schnell verwehrt. Nach wenigen Schritten ist sein schon die Grenze erreicht und er muss umdrehen. Ähnlich wie Rilkes Panther wird auch er hin und her gehen. Artgerecht kann das nicht sein. Ganz abgesehen von den Besuchern, die ihn täglich bestaunen. Wobei, dann ist Knut ja nicht mehr so süß und es wird sich kein Schwein vom Nachbargehege mehr nach ihm umdrehen.
Es erscheint zynisch, dass gerade Knut als Symbol für den Artenschutz vorgeschlagen wurde. Sklaverei trifft es eher. Es gleicht den Freak Shows aus der Vergangenheit, mit dem Unterschied, dass eklig durch süß ersetzt wurde.
Fakt ist: Knut ist kein wildes Tier und wird es nie sein. Er ist ein Tier, geboren und aufgezogen in Gefangenschaft, dass dazu dient dem Zoo möglichst viel Geld einzubringen. Artenschutz kann in ihren angestammten Gebieten und vor allem und Zuschauermassen viel besser betrieben werden. So ist das ein Witz und völlig heuchlerisch.
Findet ihn süß, ist mir egal. Aber denkt darüber nach, wie er lebt und das Eisbären in Freiheit genauso süß sind. Und vor allem frei.

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4 Gedanken zu „Ich möchte (k)ein Eisbär sein

  1. Shirin

    Und mit welcher Begründung werden die Tiere dann tagtäglich einer Masse von Besuchern ausgesetzt?

    Tiere versorgen ist teuer. Auch ohne die Eintrittsgelder sind Zoos werden von Bäckern (und sicherlich auch anderen) alte Brötchen gespendet, um diese den Tieren zu verfüttern.

  2. Jojo

    wenn es nur um tierschutz gehen würde, dann könnte man sie sicherlich auch finanzieren. denn ich finde gerade das läuft dem tierschutz viel mehr entgegen.

    das ist wie krieg führen um frieden zu erreichen. o.O

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