Autos fahren – Menschen verhungern

Seit Monaten wird Biokraftstoff als der neue Treibstoff propagiert. Umweltschonend soll er sein, erneuerbar ist die Quelle, und unabhängig ist man vom Nahen Osten; der mit Stabilität bekanntlich nicht viel am Hut hat. Aber was ist Biokraftstoff eigentlich? Wikipedia sagt dazu:

Biofuel (also called agrofuel[1]) can be broadly defined as solid, liquid, or gas fuel consisting of, or derived from biomass. The definition used here is narrower: biofuel is defined as liquid or gas transportation fuel derived from biomass. Biomass can also be used directly for heating or power: this is commonly called biomass fuel: see biomass heating systems. Biofuel is considered a means of reducing[2] greenhouse gas emissions and increasing energy security by providing an alternative to fossil fuels.

Klingt ja erstmal gar nicht so schlecht – übersieht es fatalerweise jedoch, dass auch erneuerbare Rohstoffe nicht unendlich vorhanden sind. Es gibt Grenzen, wie viel angebaut werden kann. Und genau dieser Fakt geht Hand in Hand mit der simplen Marktlogik: „wenige Produkte + starke Nachfrage = hoher Preis“. Zwar können industrialisierte Länder diesen Preis noch decken um weiter Auto zu fahren; arme Menschen jedoch können kaum die gestiegenen Preise zahlen, geschweige denn mit internationalen Konzernen konkurrieren.

So stiegen die Preise im März diesen Jahres um 80%, der Preis der Bohnen um 30%. Tortillas kosteten im Januar mehr als zehn Peso, zuvor sechs, trotz der Tatsache, dass ein Fünftel der mexikanischen Bevölkerung von weniger als 20 Pesos am Tag lebt. Dabei sind Tortillas für sie lebenswichtig – man kann sie durchaus als Grundnahrungsmittel bezeichnen.

Die Gründe sie wie immer die Gleichen: Durch ein Niederreißen der Grenzen in den 90ern wurde der heimische Nahrungsmittelmarkt – insbesondere Mais – in die Knie gezwungen, gegen Massenproduktion aus den USA kam man nicht an. „Konnte sich Mexiko Mitte der 1990er Jahre noch selbst mit Mais versorgen, so importiert es heute fast die Hälfte seines jährlichen Verbrauches“. Eine grundlegende Abhängigkeit wurde geschaffen, die sich jetzt bitter bezahlt macht, denn plötzlich wollen die USA ihren Mais selbst behalten. Präsident Bush fördert die einheimischen Bauern indem die Ethanolproduktion aus Mais weiter angetrieben wird und genau diese steigende Produktion fehlt nun in Mexiko.

Mexiko steht hierbei nur exemplarisch für die Armut und die dadurch fehlende Nahrung in der Dritten Welt:

Dennoch müssen 824 Millionen Menschen Hunger leiden. Wenn steigende Kraftstoffpreise die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben, wird die Zahl dieser Mitmenschen weiter ansteigen, anstatt den Aussagen der Regierenden dieser Welt zufolge, bis 2015 um die Hälfte reduziert worden zu sein. In einer makaber inflationären Spirale werden auch die Preise für Land und Wasser in die Höhe getrieben und somit Nahrungsmittel und die Ressourcen zu ihrer Herstellung für Arme unerschwinglich werden. Laut Schätzungen des International Food Policy Research Institut werden sich Grundnahrungsmittel bis 2010 um 20 bis 33% und bis 2020 um 26 bis 135% verteuern. Erfahrungsgemäß geht der Kalorienkonsum bei einer 10%igen Preiserhöhung um 5% zurück. Mit jedem Prozent, um das die Nahrungsmittelpreise steigen, wird die Ernährung von 16 Millionen Menschen prekär. Das bedeutet, bei einem Weiterverlauf der derzeitigen Entwicklung werden 2020 etwa 1,2 Milliarden Menschen chronisch Hunger leiden ( 600 Millionen mehr als laut vorheriger Prognosen).

Neben fehlender Nahrung, wird auch ein anderes Problem aus dem Blickwinkel geschoben: Wie sollen Biokraftstoffe „klimaneutral“ sein, wenn für ihren Anbau immer mehr Regenwald vernichtet wird?

„Im Idealfall“ wird nur so viel CO2 freigegeben, „wie zuvor von den Pflanzen aufgenommen wurde“. Tatsächlich muss aber stetig neue Anbaufläche gewonnen werden und/oder zuvor für die Nahrung verwendete Felder dienen jetzt als Tankfüllung.

Die „erodierten, minderwertigen“ Böden, auf welchen BKS-Pflanzen angebaut werden, sind jedoch bspw. in Brasilien von der Regierung schlicht umdeklarierte 200 Millionen Hektar tropischer Trockenwald, Savanne und Feuchtgebiete, die zur Kultivierung freigegeben wurden. Es handelt sich hierbei um Ökosysteme mit wertvoller Biodiversität wie Mata Atlantica, den Cerrado und das Pantanal. Direkt von den Auswirkungen betroffen und zur Abwanderung in das bereits von Abholzung zerstörte Amazonasbecken gezwungen, sind die dort lebenden UreinwohnerInnen, Kleinbauern und Viehzüchter. Soja liefert 40% des brasilianischen Biokraftstoffs. Derzeit werden in Brasilien jährlich rund 325.000 ha Amazonas-Regenwald abgeholzt.²

Um jedoch an den Platz zu kommen, auf dem Bäume vernichtet und Monokulturen angebaut werden können, muss man zuerst die indigene Bevölkerung vertreiben. Dies geschieht unter anderem mit Paramilitärs oder dem Staatsmilitär selbst. Mit Waffengewalt und Mord lassen sich wirtschaftliche Probleme meist am einfachsten lösen.

Bloodforoil.org

Wie viel CO2 wird bei der Abholzung wohl freigesetzt und führt damit das Ziel des Klimaschutzes per Biotreibstoff ad absurdum? An die Vernichtung des Lebensraumes eines ganzen Ökosystems und der indigenen Bevölkerung will ich gar nicht denken.

Bleibt die Frage nach der Alternative, da Biodiesel in herrschenden Marktformen nicht umsetzbar ist, außer auf Kosten von Umwelt von Mensch und Umwelt. Back to the Roots also? Öl aus nicht erneuerbaren Energien?

Das kann es schlicht nicht sein. Öl ist, resp. Ölfirmen sind, ebenso Verursacher vieler ökologischer und humanitärer Probleme bis Katastrophen. Menschen „haben es satt, dass sie die Schätze ihrer Erde nur dann zu Gesicht bekommen, wenn alle paar Monate eine Pipeline leckt und ihre Felder und ihre Fischgründe verseucht“

Als Ergebnis heißt es dann immer, die Dorfbewohner hätten die Pipeline sabotiert, um Öl zu stehlen. Manchmal verströmt der Tümpel drei, vier Wochen lang giftige Dämpfe, ehe jemand kommt, um das Öl in einen Tankwagen zu pumpen und den restlichen Bodensatz schlicht abzufackeln. »Sie verseuchen unser Land und beschimpfen uns dann noch als Saboteure«,

Die Ölfirmen saugen das Öl aus dem Land, lassen den Rest vermodern und vom ausgelaufenen Öl zerstören, sie fackeln Gas über den Feldern ab – und läuft etwas schief, waren es die Einwohner, die am meisten darunter leiden. Fischgründe werden zerstört, Nahrungsgrundlage genommen und die Natur insgesamt schwer beschädigt.
So berichtete die Neon vor einigen Monaten.

Und das ist längst kein Einzelfall. In Nigeria kam es Ende Juli zu Angriffen auf Umweltschutzorganisation Social Action, bei der zwei Menschen Schussverletzungen erlitten, Repsol YPF bedroht die Lebensgrundlage der indigenen Bevölkerung.

Die USA führen einen Krieg gegen Terror, bei dem es sicher nicht nur sekundär um Öl geht, denn das Im Irak nicht nach Massenvernichtungswaffen gesucht wurde, ist nicht mal mehr ein offenes Geheimnis. Nicht zu vergessen ist auch, dass erst vor kurzem der französische Ölkonzern Total damit Schlagzeilen machte, weiterhin mit der Militärjunta in Birma zu handeln; unter anderem auch mit Zwangsarbeit.

Was also tun? Die Frage ist vor allem: Was sollte das Ziel beim Antrieb von Autos und Maschinen sein? Möglicherweise sollte man nicht an der Verbesserung von Benzin für das Auto arbeiten, sondern sich von diesem Modell komplett unabhängig machen? Elektronische Autos vielleicht. Oder auch einfach mal Fahrrad fahren. Oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Vielleicht auch nicht in den Urlaub fliegen. Die Automobilindustrie sollte gezwungen werden deutlich sparsamere Autos zu bauen – was bereits jetzt möglich ist, aber am Unwillen der Konzerne und der Bevölkerung scheitert.

Biokraftstoffe und Öl können jedenfalls nicht als Lösung des Energieproblems dienen und die Entwicklung muss weiterhin auf den bewährten Regenerativen liegen: Sonne, Wind, Wasser.

Sock Monster

Dieser Post ist Teil des Blog Action Day
Bloggers Unite - Blog Action Day

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Ein Gedanke zu „Autos fahren – Menschen verhungern

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