Mehrwertbildung

Folgt man der Schauspielerin Anna Fischer in der TV-Beilage des Sterns Nr. 11/2008, so kann man sich auch „mit weniger Mitteln“ bilden, „wenn man das wirklich will. Armut ist keine Entschuldigung für Dummheit“. Doch irgendwie scheint diese These etwas waghalsig, betrachtet man die Vorgänge, die seit Jahren die Bildungslandschaft Deutschlands und Europas erfassen: die Privatisierung der Bildung.

Kostenauslagerung

Als Bildungsprivatisierung kann man im allgemeinen zwei Prozesse bezeichnen, die zwar nicht identisch sind, aber oftmals zusammen auftreten und mit denen ähnliche Interessen verfolgt werden. Da wäre zum Einen der Versuch, die Kosten der (Aus-)Bildung auf die SchülerInnen und Studierenden bzw. deren Eltern zu verlagern. Sie zeigt sich nicht nur durch Studiengebühren, auch bei der Abschaffung der Lernmittelfreiheit in der Schule wird sich auf Kosten der Unterdrückten „gesundgespart“.

Doch Privatisierung bedeutet weit mehr als eine Kostenauslagerung auf die Bevölkerung, die wie immer die Armen am härtesten trifft. Sie bedeutet auch, dass vormals öffentliche Sektoren wie Bildung in die Hände privater Investoren gegeben werden. Auch hier dient der marode Staats- und Landeshaushalt als Hauptargument. Doch gerade in der Übergabe an die Privatwirtschaft wird offensichtlich, dass es dem Staat auch ganz klar darum geht, ehemals erkämpfte Rechte scheibchenweise zu beschneiden.

So wird die staatliche Bildung, die vormals die Formung für den Kapitalismus mit den erkämpften Rechten vereinte, ersetzt durch ein reines Konkurrenzprinzip, vor dessen desaströsen Auswirkungen die SchülerInnen und StudentInnen früher zumindest bedingt geschützt waren. Trotzdem bedeutet die Privatisierung heute nicht eine einfache Abschaffung alter sozialer Ansätze, denn wichtig ist jetzt auch das Schaffen neuer Märkte.

Die Tendenzen sind in diesem Prozess immer die selben: Privatschulen werden gebaut, Public-Private-Partnership (die Kooperation mit der Wirtschaft in ehemals rein öffentlichen Bereichen) intensiviert, mehr Leistungsdruck, mehr Vergleichbarkeit, mehr Konkurrenz – kurzum: Anpassung an die wirtschaftlichen Bedürfnisse.

In der Realität sieht das dann so aus, dass im Jahr 2006/07 in Deutschland 4.711 allgemeinbildende und berufliche Privatschulen gab, gut 45 Prozent mehr als noch 1992/1993. In Madrid liegt die Anzahl privater Hochschulen gar bei über 40 Prozent. Und die Nachfrage steigt, denn um auf dem Markt zu den Siegern zu gehören, erscheinen die Privatschulen als deutlich besseres Bildungsinstitut. Und schließlich muss man sich nicht mit den sozial Schwächeren oder MigrantInnen rumschlagen – in Madrid gehen 80% aller MigrantInnenkinder auf öffentliche Schulen und in Deutschland herrscht noch immer die Angst vor Rütli und Co.

Unterstützung vom Staat

Privat heißt allerdings nicht privat. Oft werden mehr als drei viertel der Kosten, die pro SchülerIn an öffentlichen Schulen anfallen, durch den Staat gedeckt. Profit erreichen diese Schulen dann durch private Investoren, die Dienstleistungen einkaufen. Der Einfluss der Firmen ist diffus, aber nicht zu leugnen. Hier formt man sich ganz offen die eigenen ArbeiterInnen zurecht.

Da allerdings die öffentlichen Schulen oftmals noch eine dominante Rolle einnehmen, können private Investoren auch später ansetzen. Etwa, wenn an der spanischen Universität Navarra feierlich der neue Studiengang „Qualität Volkswagen Navarra“ eingerichtet wird um die „Wettbewerbsfähigkeit“ zu verbessern. Ganz offen wird der Einfluss der Wirtschaft auf den Staat in der privaten Berliner Uni „Hertie School of Governance“ gezeigt, wo private Stiftungen für den öffentlichen Dienst ausbilden.

Gleichzeitig mischt sich das Interesse des Marktes mit der Sozialisierung der SchülerInnen und StudentInnen auch marktkonform zu sein: Denn natürlich wird niemand gezwungen, tatsächlich Marktforschung zu studieren, doch wenn das den Erfolg auf dem Markt bedeutet, bedeutet das für die Uni einen erfolgreichen Studiengang. Nicht umsonst ist eine der ersten Fragen bei einem „exotischen“, nicht direkt auf einen Beruf ausgerichteten Studienfach: „Und was macht man mal damit?“ Wir als Opfer eines solchen Systems haben unsere eigene Verwertbarkeit bis aufs Bitterste verinnerlicht.

Der erhöhte Leistungsdruck durch verkürzte Abiturzeit auf 12 Jahre, durch Eliteschulen und –unis, Vergleichsarbeiten und Zentralabitur, usw. fördert unsere Konformität noch zusätzlich. Der Drang Bildung ständig und immer vergleichen zu können, stärkt nicht nur die individuelle Konkurrenz, sondern auch die Konkurrenz der Schulen, der Universitäten, oder gar der Bildungsinstitutionen untereinander.

Gleichzeitig blicken die Unternehmen nicht nur in die Zukunft, sie wollen auch jetzt ganz konkret Mehrwert herausschlagen. Vor 12 Jahren war der Bildungsbereich für die USA bereits der fünftgrößte Exportsektor unter den Dienstleistungen. Private (Hoch-)Schulen erhalten staatliche Subventionen und können dadurch einen Großteil ihrer Gebühren als Profit verbuchen. Da es vor allem darauf ankommt, sich gut zu vermarkten, können die privaten Bildungseinrichtungen auch großzügig an ihrer tatsächlichen Bildung sparen, solange es immer noch genügend Menschen gibt, die dem Elitestatus glauben schenken und weiter fröhlich zahlen. Wie sonst ist es zu erklären, dass es 2006 Niemanden störte, dass der private Universität Witten/Herdecke ausgestellt wurde, ihr medizinischer Bereich würde den modernen Ansprüchen nicht genügen, obwohl das einer ihrer Hauptschwerpunkte ist?

Wohin mit der Bildung?

Speziell in Deutschland wird die schlechte öffentliche Bildung dazu genutzt, uns ein Ständchen von der Freiheit und den Vorteilen des Marktes in der Bildung zu singen. Der systematische Unwille des Staates, durch die ArbeiterInnenbewegung erkämpfte soziale Rechte beizubehalten, zu bestärken und auszubauen sorgt nun seit Jahren für den Glauben an den selig machenden Markt. Demokratie und Freiheit und gute, nicht nach Marktprinzipien und -interessen orientierte Bildung kann uns sowohl der Staat als auch die Privatwirtschaft natürlich nicht geben.

Aber anstatt uns scheinbar alternativlos an der staatlichen Bildung zu klammern, die in diesem System immer Bildung für den Markt ist, sollten wir dafür eintreten, dass demokratische Kontrolle über Bildung StundentInnen, SchülerInnen und LehrerInnen und DozentInnen erkämpfen. Wir sollten bisher erkämpfte Rechte verteidigen und für ihren Ausbau kämpfen. Weder in privater noch staatlicher Hand sollte Bildung sein, sondern in den Händen der Gesellschaft.

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Dieser Artikel erschien auch in REVOLUTION Nr. 31

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