China als Regionalmacht (Teil 3): Wirtschaftliche Entwicklung

Wenn irgendein Land derzeit die weltpolitische Machtkonstellation, den weltweiten Kapitalismus und die internationale Bourgeoisie in Aufregung versetzt, dann ist es die Volksrepublik (VR) China. Doch nicht nur für die herrschende Klasse, auch für soziale Bewegungen, die radikale Linke, bürgerliche und marxistische Forschung und Politik ist China ein extrem wichtiger Faktor. Teil 2 der Serie „China als Regionalmacht“. Nachdem wir die Konkurrenzsituation zwischen den USA und der Volksrepublik und das Bedrohungsszenario durch das US-Militär bereits angesprochen haben, wollen wir uns nun dem Militär der VR zuwenden. Dessen Zielsetzung und Entwicklung ist von entscheidender Bedeutung, um Chinas Rolle in Ostasien zu verstehen und die politische Entwicklung in dieser Region.

Tatsächlich sind die USA inzwischen mehr und mehr von der chinesischen Wirtschaftskraft abhängig. Erstere brauchen einen Kapitalimport von 2 Milliarden Dollar am Tag um die Handels- und Budgetdefizite auszugleichen. Und gerade Japan und China investieren große Summen in staatliche und andere Wertpapiere, mit Geldern die sie durch Export finanzieren.[1]

Zusätzlich benötigen die USA riesige Importe und Serviceleistungen aus Asien, da das eigene Industriekapital wirtschaftlich schwächelt.[2] Es war ja gerade diese Schwäche, die das Monopolkapital dazu bewegte, Kapital aus der Industrie in das Finanzkapital zu investieren, welches dann riesige Blasen generierte, die zur Wirtschaftskrise führten. Die Krise des US-Kapitalismus ist eine Krise der Überakkumulation, welche China – zumindest derzeit – ausgleichen kann. Dabei profitiert China vom Kapitalexport der großen Wirtschaftsmächte. Der Fall der Profitrate in der heimischen Industriewirtschaft führte zur Investition in den wirtschaftlich schlecht entwickelten Staaten, da diese noch große Profite für das Finanzkapital der imperialistischen Staaten garantierte. Dies führte zum Aufstieg der bisher schlecht entwickelten Wirtschaftsmächte – also auch der VR. Die Schwäche des westlichen Industriekapitals war lange Chinas Stärke.

Diese Stärke führt zu einem Anwachsen des wirtschaftlichen Exports der VR. Mit der Krise kann China mehr vom „schrumpfenden Kuchen“[3] für sich in Anspruch nehmen und seine Wirtschaftsmacht konsolidieren. So ist der Anteil der Exporte in die USA durch China in den ersten sieben Monaten 2009 auf 19% gestiegen, im Vergleich zum Vorjahr. Kanada hat im gleichen Zeitraum 2,5% verloren.[4] China ist damit der größte Importeur der USA. Auch Japan ist betroffen, welches Jahr für Jahr Anteile der Importe von elektronischen Geräten verliert. Innerhalb von zehn Jahren hat Japan 11% verloren und liegt jetzt bei 7%.[5] China ist inzwischen der größte Exporteur der Welt. Solche Zahlen lassen sich beständig zitieren.

Aber nicht nur bei den Exporten ist die Verbindung zwischen China und den USA von großer Bedeutung. Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass China riesige Dollar-Devisen-Reserven besitzt. Dies geschah, damit die USA weiterhin die chinesischen Exporte leisten konnten – und andersrum[6]. Beide profitierten von dem Deal: Die USA, indem ihr Handelsdefizit nicht noch größer und zum kollabieren gebracht wurde, und China, welches von den starken Exporte in die USA profitierte. Gleichzeitig hat aber der Einbruch der Weltwirtschaft hier zu Problemen geführt. Schließlich muss irgendwer die Produkte, die auf der „Werkbank der Welt“ produziert werden auch kaufen. Das wurde mit der sich verstärkenden Krise schwieriger.

Die chinesische Führung reagierte darauf mit einem großen Wirtschaftspaket für 450 Milliarden Euro.[7] Damit verbunden ist eine enorme Stärkung der Wirtschaft im eigenen Lande. Es scheint, als ob China sich von einer Konzentration auf den Export verabschiedet und der eigenen Entwicklung mehr Raum gibt als früher. Dadurch lässt sich die weiterhin steigende Wirtschaftskraft Chinas während der Krise erklären. Noch immer ist die bürgerliche Presse von China mehr als beeindruckt: Teilweise wird China mit dem Wirtschaftswunder Japans in den 80er Jahren verglichen. Und tatsächlich wurde Japan damals ähnlich euphorisch als die neue Weltmacht beschrieben – bis das Land in eine lange Stagnation rutschte, die noch heute anhält. Trotzdem scheint die Rolle Chinas heute eine andere. China hat durch seine enorme Größe starke Reserven um das nationale Industriekapital zu entwickeln.

Mit dem Konjunkturpaket hat die Schienenkonstruktion um 94% zugenommen und das High-Speed Schienen Programm wird im Jahr 2015 fünf Jahre früher beendet als ursprünglich geplant. Im April lag das Wirtschaftswachstum im Inneren des Landes wieder bei 7,3% – im Januar lag es noch bei 3,8%. Selbst der Grundbesitz-Markt scheint nach zwölf Monaten wieder wirtschaftliche Fahrt aufzunehmen.[8]

Damit verbunden ist eine Landreform, welche zweierlei Dinge verfolgt. 1. Kann man nun das Land als Pfand einsetzen um Kredite aufzunehmen. 2., und viel wichtiger, kann man sein Land nun an andere FarmerInnen verkaufen. Durch diesen Prozess wird die Agrarwirtschaft sich sehr schnell auf wenige FarmerInnen konzentrieren, die große Ländereien besitzen und mehr Profite einfahren. Durch die ungleiche und kombinierte Entwicklung (und der nicht mehr vorhandenen Isolation in einem stalinistischen Staat), ist es nun auch möglich, das große Farmland auch effizient zu nutzen: Der technische Fortschritt ermöglicht mit einer Konzentration des Besitzes eine enorme Effizienzsteigerung.[9] Damit einher geht natürlich ein enormer Besitzverlust von Tausenden, wenn nicht gar Millionen von Bäuerinnen und Bauern. Diese sind gezwungen in die Stadt zu ziehen und sich dem ständig größer werdenden Heer der Ausgebeuteten in China anzuschließen. Die VR fürchtet in den nächsten zehn Jahren schließlich eine Knappheit an ProletarierInnen.[10] Die Profitlogik wird daher wenige reiche KapitalistInnen schaffen, die ihr Geld in der Agrarwirtschaft produzieren und dafür Millionen in die Armut treiben – um schließlich noch mehr Geld für inner-chinesische Investitionen zu finanzieren. Um die soziale Unruhe allerdings nicht völlig zum Kippen zu bringen, ist mit dem Konjunkturpaket auch ein 299 Milliarden Dollar Paket verbunden, welches in die Sozialsysteme fließen wird.[11]

Doch wie sehr ist China nun vom Wirtschaftsexport abhängig, der als einziger das chinesische „Wirtschaftswunder“ effektiv aufhalten könnte? Anscheinend deutlich weniger als viele denken. Um die Abhängigkeit zu berechnen ist es notwendig, sich zu vergegenwärtigen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) letztlich den in China produzierten Mehrwert beschreibt – eine relative Zahl also. Der Export hingegen wird in totalen Summen angegeben, also dem Geld, was durch den Verkauf erhalten wurde. D.h. wir müssen die Importe und die Einkäufe aus anderen nationalen Sektoren abziehen, um den tatsächlichen Anteil des Exports am BIP zu berechnen. Dadurch ergibt sich ein Wert von ungefähr 7-9%. Die Weltbank geht davon aus, dass der Export nur 2-3% des BIP des letzten Jahrzehnts ausmacht – ein absolut geringer Wert. [12]

Daraus ergibt sich, dass die chinesische Wirtschaft – auch wenn sie von der Wirtschaftskrise zweifelsohne getroffen ist – weiterhin ein starkes Wachstum verzeichnen kann, welches durch ein erstarkendes Industriekapital konsolidierbar ist. Das wiederum führt zu einem größeren Anteil am kleiner werdenden Kuchen für die chinesische Bourgeoisie. Gleichzeitig ist dieser Anstieg sehr endlich. Nur ein echter Boom der Weltwirtschaft kann ein sich industrialisierendes China letztlich retten. Dies scheint aber derzeit nicht in Sicht. Zwar haben die Wirtschaftspakete die Krise erst einmal verschoben, aber neue Pleite-Wellen sind wahrscheinlich und ein erneuter Crash derzeit ebenso. Es ist längst nicht genug Kapital vernichtet worden, um die Überakkumulationskrise zu überwinden. Ein neuer Innovationsmarkt ist auch nicht in Sicht. Wenn in zwei – drei Jahren erneut eine Blase platzt, sind die imperialistischen Staaten nicht noch einmal dazu in der Lage, riesige Konjunkturpakete auszustoßen. Eine danach lange stagnierende Wirtschaft scheint möglich.[13] Dem kann sich auch China nicht verschließen. Derzeit profitiert die VR von seiner eigenen Größe, welches enorm viele Möglichkeiten der Industrialisierung und des Konsums bietet. Doch China ist ebenso Teil der Weltwirtschaft und kann deren Geschehnisse nicht ignorieren.


[1] World Socialist Web Site: US steps up trade pressure on China, http://wsws.org/articles/2007/apr2007/chin-a12.shtml, 12.04.2007

[2] World Socialist Web Site: The implications of China for world socialism, http://wsws.org/articles/2006/mar2006/cha1-m09.shtml, 09.03.2006

[3] Im Original “shrinking pie”, in: The New York Times: In Recession, China Solidifies Its Lead in Global Trade, http://www.nytimes.com/2009/10/14/business/global/14chinatrade.html?_r=1, 13.10.2009

[4] The New York Times: In Recession, China Solidifies Its Lead in Global Trade, http://www.nytimes.com/2009/10/14/business/global/14chinatrade.html?_r=1, 13.10.2009

[5] The New York Times: In Recession, China Solidifies Its Lead in Global Trade, http://www.nytimes.com/2009/10/14/business/global/14chinatrade.html?_r=1, 13.10.2009

[6] The New York Times: Weak Dollar? Not So Much in China, http://www.nytimes.com/2009/10/16/business/16norris.html, 15.10.2009

[7] Revolutionär Sozialistische Organisation: China als Gewinner der Krise?, http://www.sozialismus.net//content/view/1236/87/, 14.06.2009

[8] Permanent Revolution: China and the world recession: derailed or decoupled?, http://www.permanentrevolution.net/entry/2795, 10.08.2009

[9] Dies soll natürlich keineswegs heißen, dass das Privateigentum notwendig sei. Im Gegenteil, wäre eine kollektive Betreibung mit den technischen Möglichkeiten natürlich ebenso effizient – solange gewollt – sie würde nur nicht das gleiche soziale Elend produzieren wie ein kapitalistisches Agrarunternehmen.

[10] Permanent Revolution: China and the world recession: derailed or decoupled?, http://www.permanentrevolution.net/entry/2795, 10.08.2009

[11] Permanent Revolution: China and the world recession: derailed or decoupled?, http://www.permanentrevolution.net/entry/2795, 10.08.2009

[12] Permanent Revolution: China and the world economy; Firewall or last domino?, http://www.permanentrevolution.net/entry/2582, 01.03.2009

[13] Siehe dazu auch: Revolutionär Sozialistische Organisation: Trendumkehr in der Weltwirtschaft?, http://www.sozialismus.net//content/view/1290/1/, 25.10.2009

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