Stalino-trotzkistische Anarchokritik?

Als ich anfing, mich zu politisieren und das erste Mal mit anarchistischen Ideen konfrontiert wurde und diese für mich aufnahm, kaufte ich mir ein Buch von Wolfgang Harich namens „Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus“. Der Titel deutete darauf hin, dass es um eben jene Form von Politik ging, die mich in meiner beginnenden Linksradikalität begleitete. Das Buch gelesen habe ich nie. Nun fällt es mir beim Ordnen meiner Bücher wieder in die Hände.

Dem Anarchismus abgeschworen habe ich seit anderthalb Jahren. Mich interessiert allerdings der historische und politische Hintergrund des Autoren, also überfliege ich den Klappentext. Nach einer Suche im Internet finde ich, was ich suche. Wolfgang Harich stellt sich als Teil der SED Theorie-Elite heraus, Wikipedia nennt ihn einen „der bedeutendsten, aber auch widersprüchlichsten marxistischen Intellektuellen der DDR.“ Tatsächlich war er zwar Teil des stalinistischen Parteiapparates und arbeitete an deren „Theorie“-Ausarbeitung mit. Interessanterweise entwickelte er aber gerade durch diese Erfahrung eine Kritik am Stalinismus selbst.

Ich finde auf Marxists.org einen Artikel von Ted Grant, seines Zeichens politische Führungsfigur von Militant und später der IMT. Er äußert sich über das Verfahren, welches ihm der DDR Stalinismus anhängte. Grant behauptet, dass Harich als Teil der SED Theorie-Elite er eine Kritik am Stalinismus als „dead alley“ entwickelt habe, er begonnen habe (wenn auch verzerrte) Abgleitflächen zum Trotzkismus zu entwickeln (bzw. diese Ideen – mit stalinistischen Vorstellungen vermischt – offen gutzuheißen). Ich kann derzeit nicht einschätzen, inwieweit Grants Einschätzungen hier zutreffend sind oder sie – wie es typisch für Militant war (und für das CWI bzw. insb. die IMT ist) – überzogen optimistisch sind. An Zitaten wie dem Folgenden scheint mir Beides richtig zu sein:

The statement of Harich as published in The Observer (March 17th) shows two things: on the one hand, the inevitable development of opposition as the result of the system of repression and bureaucratic privilege, and, on the other, the frightful confusion that Stalinism has sown even among the best elements that remain within the ranks of the Stalinist parties.

Gleichzeitig gibt es zumindest einen grundlegenden Einblick in die theoretische Entwicklung von Harich aus einer marxistischen Perspektive und die Widersprüche, in denen sich die kritischeren Theorie-EntwicklerInnen des Stalinismus bewegen (müssen). Unter anderem habe Harich folgende Positionen entwickelt:

He puts forward these demands: No more privileges for leading functionaries, workers‘ councils, the raising of the standard of living, democratic centralism correctly applied, abolition of the secret police, dismissal of Stalinists from the Party. […] At the same time, he speaks of elections on a single list system, which is the essence of totalitarianism. Instead of the rule of the workers‘ councils, he puts his faith in the rule of Parliament. Even on the question of achieving unity, he does not see that the dynamic overthrow of the regime in Eastern Germany and the installation of workers‘ democracy would be the greatest blow that could be struck against West German capitalism; it would undermine its power completely.

Interessant, womit man so als Jugendlicher in Kontakt gekommen ist. Was wäre wohl gewesen, hätte ich es damals schon gelesen? Hätte ich die stalinistischen oder die trotzkistischen Elemente aufgenommen? Wär ich überhaupt Anarchist geworden (um dies dann später wieder abzulegen)? Hätte ich mich dadurch für immer vom Marxismus abgewandt? Alternative Geschichtstheorien sind witzig. Werd mir das vielleicht mal diese Semesterferien anschauen. Mal sehen, wie ernsthaft die von Grant bezeichneten trotzkistischen Elemente sind – und ob man den Stalinismus aus seiner Kritik am Anarchismus heraus merkt.

Der Artikel von Grant ist hier zu finden: The case of Wolfgang Harich

Und wen es interessiert, das Buch ist beim junge Welt Shop erhältlich.

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Ein Gedanke zu „Stalino-trotzkistische Anarchokritik?

  1. Oompa Loompa

    Das Buch habe ich auch gelesen. Tatsächlich eine ziemliche ML-Kritik(um dein „stalino-trotzkistisch“ mal zusammenzukürzen) am Anarchismus, die allerdings insofern was trifft(wenn ich es recht in Erinnerung habe), als dass das ständige und wiedersinnige Hochhalten des Wertes der Freiheit für deren fehllaufende Kapitalismuskritik herausgekehrt wird. Ich sollte es vielleicht auch nochmal selbst lesen.

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