Die Logik des Krieges

Montag, 12 April 2010 Es ist bereits fast drei Jahre her, dass der Tod des Fotografen Namir Noor-Eldeen und seines Fahrers Saeed Chmagh bekannt wurde. Wie sich jetzt herausstellt, wurden sie zusammen mit einem Dutzend anderer Irakis durch Beschuss aus US-Helikoptern getötet.

Namir Noor-Eldeen (22) und sein Fahrer Saeed Chmagh (40) arbeiteten für die weltweit größte Nachrichtenagentur Reuters. Am 12. Juli 2007 wurden sie durch zwei Apache Helikopter getötet, zusammen mit einem Dutzend irakischer ZivilistInnen – inklusive zwei kleiner Mädchen – deren Identität wohl weiterhin unbekannt bleiben wird.

Bekannt wurde dies nun durch ein Video, das am 3. April 2010 auf Youtube veröffentlicht wurde. Verantwortlich für die Veröffentlichung ist die Page Wikileaks (mehr dazu im Kasten am Ende des Artikels). Zu sehen sind Ausschnitte aus Aufnahmen aus den Militärhubschraubern, wo deren  Besatzung eine Gruppe von ungefähr einem Duzend IrakerInnen aus der Luft beobachtet. Die US-Soldaten sind sich sicher: Was die Personen in den Händen halten, das können nur Waffen sein. Sicher zu sehen ist das freilich überhaupt nicht.

Tatsächlich hielt der Fotograf Namir Noor-Eldeen seine Kamera in der Hand, mit der er Fotos vom Kriegsgeschehen machen wollte. Aber – um die FußsoldatInnen der US-Armee keinem Risiko auszusetzen – geht man auf Nummer sicher: Von den Hubschraubern aus wird die ganze Gruppe von irakischen ZivilistInnen mit dem Maschinengewehr getötet. Dieses Vorgehen wird durch die „Waffen“, die die Fotografen in der Hand halten, legitimiert.

Nachdem die gesamte Gruppe niedergeschossen wurde (später wird sich herausstellen, das ein Angeschossener schwer verletzt überlebt hat), wird das Feuer erneut eröffnet, als weitere irakische ZivilistInnen in einem Wagen ankommen, um die Leichen abzutransportien. Auch sie sterben im Kugelhagel. Die schwer verletzten kleinen Mädchen sterben im irakischen Krankenhaus, nachdem sich die US-Armee weigerte, sie in ein Krankenhaus der US-Armee zu bringen, sondern sie stattdessen der irakischen Polizei übergab. Erst diese transportierte sie dann in das – wohl schlechter ausgestattete – irakische Krankenhaus, was also einen enormen Zeitverlust bedeutete.

Imperialismus und Besatzungsarmee

Auch die aktuelle Veröffentlichung des Videos aus dem Irak wird die Popularität Wikileaks beim CIA nicht fördern. Das Video selbst zeigt offen die Gewalt, Brutalität und Kälte, mit der eine (und hier ganz konkret die US-) Besatzungsarmee vorgeht, während sie die Interessen der Herrschenden durchsetzt. Nachdem Wikileaks das Material von internen Quellen des US-Militärs erhalten hat, ließ es dessen Verschlüsselung von ExpertInnen knacken. Nach Angaben der New York Times haben hochrangige US-Militärs die Echtheit des Materials bereits bestätigt (Artikel der NY Times ).

Das Verhalten der Soldaten, welches auf dem Video zu sehen ist, macht eines sehr deutlich: Den US-SoldatInnen (zu hören sind allerdings nur Männer) kam ein anderer Umgang mit der Situation gar nicht in den Sinn. Es ist die Logik des Krieges, die die Irakis tötete: die Logik, erst zu schießen und dann genauer hinzusehen. „Schau dir die toten Ärsche an“ meint einer der Piloten. Ein anderer antwortet: „Toll“. Denn die Irakis, das sind die Aufständischen, die ihre KameradInnen töten; wilde Barbaren, die den demokratischen Aufbau verhindern. Alle Irakis sind potenziell gefährlich – der Widerstand kommt schließlich aus der gesamten Bevölkerung. Die von der Bundeswehr getöteten Soldaten der afghanischen Armee fallen in dieselbe Kategorie: Der Feind, das ist die besetzte Nation – genauer hingeschaut wird später. Falls dann mal was falsch läuft, versucht man dies möglichst zu vertuschen.

Weiterhin ist es die Logik der Besatzungsarmee, die eigenen Verwundeten und Getöteten so niedrig wie möglich zu halten. Die KameradInnen schützend, müssen das Risiko also die Besetzten tragen: Besser sie sterben als die MitstreiterInnen der Besatzungsarmee. Auch deshalb wurden die etwa 15 Irakis einfach getötet: Genauer hinzusehen, hätte bedeutet, mit den Fußsoldaten in die Nähe zu kommen, hätte möglicherweise tote US-SoldatInnen bedeutet –also das, was es um jeden Preis zu verhindern gilt. Sicher ist sicher: Alle müssen vom Hubschrauber aus abgeschlachtet werden.

Gerade diese abschätzige Haltung gegenüber den Unterdrückten, diese Geringschätzung, die den Irakis durch die BesatzerInnen widerfährt, erzeugt aber auch den Widerstand. Es müssen immer mehr Menschen aus dem besetzten Land sterben; nicht nur, weil die Besatzungsarmee deutlich besser ausgestattet ist. Der Besatzungskrieg erzeugt zwangsläufig Widerstand. Und er erzeugt in der Besatzerarmee zwangsläufig eine abschätzige Haltung. Der imperialistische Krieg erzeugt damit zwangsläufig auch die Probleme, die eine Weiterführung des Krieges notwendig machen – einen permanenten krisenhaften Zustand voller ethnischer, nationaler und religiöser Konflikte. Einen Zustand, in dem „Demokratie“ und „Menschenrechte“ keine Rolle spielen (können). Auch im Irak herrschen vor allem die Clanführer/Warlords und ein Marionettenregime im Interesse der USA.

Der Krieg kann diese Problematik nicht lösen – und er muss es auch gar nicht. Im Irak – ebenso wie in anderen imperialistischen Kriegen – geht es darum, die eigenen ökonomischen Interessen durchzusetzen. Es ist gar nicht von Interesse, ob die besetzte Bevölkerung die Besatzungsarmee mag oder nicht – sie soll möglichst ruhig gehalten werden, um halbwegs stabile Ausbeutungsbedingungen zu garantieren. Die Konflikte zu lösen, das ist nicht die Aufgabe der US-Armee. Auch deshalb kann die Armee teils Jahre in einem Zustand der Aufstandsbekämpfung gehalten werden. Die demokratischen Fragen und die Fragen der nationalen Unterdrückung zu lösen, spielt letztlich keine Rolle (auch wenn deren Beantwortung die Ausbeutungsbedingungen verbessern würde).

Widerstand

Wenn also Soldaten im Video Sprüche von sich lassen wie „Kommt schon, lasst uns schießen!“. Wenn also Soldaten darüber lachen, dass direkt durch die Windschutzscheibe des Vans geschossen wurde, in dem auch die beiden Mädchen saßen, deren Tod mit dem Satz „Gut, es ist ihr Fehler, die Kinder mit aufs Schlachtfeld zu nehmen“ gerechtfertigt wird. Oder wenn Soldaten sich darüber amüsieren, dass einer der US-Jeeps über die eben Erschossenen fährt, so ist dies widerlich, zynisch und grauenvoll.

Aber es ist vor allem eines: logisch. Die Situation, in der sich die US-Armee befindet, bringt ein solches Verhalten mit sich. Es kann keine Antwort sein, pikiert wegzuschauen und sich in moralischen Ergüssen über die SoldatInnen zu empören. Vielmehr ist es notwendig die Bedingungen zu erkennen, die ein solches Verhalten produzieren, die soziale Grundlage zu analysieren. Nur so ist es möglich die alltägliche imperialistische Barbarei zu bekämpfen: Indem man ihre Ursachen bekämpft.

Es gilt daher, den imperialistischen Krieg als solchen zu bekämpfen. Es gilt für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung des Iraks und Afghanistans einzutreten. Es gilt, dem Hauptfeind im eigenen Land entgegen zu treten: der eigenen herrschenden Klasse. Nur durch internationale Solidarität mit den Unterdrückten kann der Kampf für ihre eigene Befreiung gestärkt werden.

Die demokratischen Fragen in diesen Ländern kann keine Besatzungsarmee, sondern nur die ArbeiterInnenbewegung positiv beantworten. Sie wird sich dabei gegen die Warlords und Clanführer zur Wehr setzen müssen, die mit dem internationalen Kapitalismus untrennbar verbunden sind. Nur in einer internationalen, internationalistischen und antikapitalistischen Ausrichtung kann der Kampf gegen die Unterdrückung erfolgreich sein.

Wir haben weit mehr mit den ArbeiterInnen und den Unterdrückten in Afghanistan und dem Irak gemeinsam, als mit den Herrschenden in Deutschland, Frankreich und den USA. Es sind ihre Interessen, die im Nahen Osten gegen die dortige Bevölkerung durchgesetzt werden. Es sind ihre Interessen, die zur Unterstützung der reaktionären und frauenfeindlichen Warlords und religiösen Führer führen. Es sind ihre Interessen, die dazu führen, dass zwei Hubschrauber 15 Unbewaffnete einfach abschlachten.

Unser Widerstand gegen Krieg und Krise ist notwendig. Unsere Unterstützung des Widerstandes ist notwendig. Und ein gemeinsamer, internationaler Kampf gegen den Kapitalismus ist so nötig wie eh und je.

Wissen: Wikileaks

Wikileaks ist eine so genannte „Whistleblow“-Seite, die sich darauf spezialisiert, interne Informationen anonym publik zu machen, und so nicht nur diverse Konzerne, sondern auch Staaten an empfindlichen Punkten getroffen hat.

Veröffentlicht wurden in der Vergangenheit auch Berichte wie jener über den Versuch der CIA, die Unterstützung des Afghanistan-Krieges in Frankreich und Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung populärer zu machen (Link ). Um ihre Unterstützung für den Krieg zu verstärken, sollten die PolitikerInnen Deutschlands und Frankreichs sehr deutlich die zivilen und militärischen Opfer in Afghanistan mit den Zielen und Interessen der eigenen Länder verbinden, um so eine Demoralisierung zu verhindern.  Um die KriegsgegnerInnen ruhig zu stellen, wird zum Beispiel für Deutschland vorgeschlagen, den „Fortschritt“ der Mission aufzuzeigen und vor den „Folgen“ eines möglichen Truppenabzuges zu warnen.

Dieser und andere Berichte zeigen verschiedene Dinge auf: Es wird deutlich, dass die herrschenden Klassen der jeweiligen Nationalstaaten ihre Interessen um jeden Preis schützen wollen und auch ihre Geheimdienste einsetzen, um die öffentliche Wahrnehmung zu manipulieren. Außerdem wird aber auch eine Angst des bürgerlichen Apparates deutlich: Deutschland und Frankreich würden ihre „Kriegsverantwortung“ vor allem dank der politischen „Apathie der Bevölkerung“ wahrnehmen können. Würde der Krieg durch die Bevölkerung plötzlich abgelehnt werden, würde politischer und sozialer Druck aufgebaut werden, den Krieg zu beenden, – so fürchtet die CIA – könnte der Kriegseinsatz des deutschen Imperialismus bald zu einem Ende kommen.

Wie verlässlich die Informationen auf Wikileaks sind, kann natürlich nicht gesagt werden. Die bisherige Arbeit dieser Website und ihre Veröffentlichungen von geheimen Informationen haben sich aber immer wieder als richtig und unverfälscht heraus gestellt. Pages wie Wikileaks werden somit mehr und mehr zu einer unangenehmen Informationsquelle für das militärisch-politische Establishment. Und in der Vergangenheit wurde auch bereits deutlich, dass ihnen dieses Gefahrenmoment durchaus bewusst ist: Dies ging so weit, dass die USA 2008 planten, Wikileaks zu zerstören, indem man seine InformantInnen öffentlich macht und juristisch verfolgen wollte (Quelle ).

auch erschienen auf www.sozialismus.net

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