Keine Ruhe in Jerusalem

Nach den Unruhen der letzten Wochen um den Zugang zur al-Aqsa Moschee in Jerusalem hat die Gewalt in Israel-Palästina nun eine neue Qualität erreicht. Noch sind die Äußerungen der radikalen Linken in Deutschland verhalten. Ein Diskussionsbeitrag zu vorhersehbaren Reaktionen.

Die Ereignisse eskalieren in Jerusalem, Israel und Palästina. Seit Anfang Oktober sind mehr als 35 Menschen ums Leben gekommen[1], davon 7 jüdische Israelis und mehr als 30 Araber_innen, teils aus den Gebieten Ost-Jerusalems und israelischer Herkunft[2], teils aus den palästinensischen Gebieten selbst.[3] Die Israelis starben durch Terrorangriffe[4], derzeit vor allem Messerangriffe, aber auch Selbstmordattentate, Raketenbeschuss und Steinwürfe auf Autos. Mindestens 25 Menschen wurden bei den Angriffen verletzt.[5] 11 Palästinenser_innen wurden bei oder nach den Anschlägen getötet, die meisten anderen Palästinenser_innen starben bei Protesten im Westjordanland und Gaza durch Soldaten.[6] Eine schwangere Frau und ihr Kind starben durch israelischen Raketenbeschuss, welche eine Reaktion auf Raketenbeschuss durch eine IS-nahe Gruppierung war. Vier Araber wurden bei einer Messerattacke durch einen jüdischen Israeli verletzt.

Was ist die Ursache für die Gewalt?

Begonnen haben die Ereignisse mit einem Konflikt um den Tempelberg. Auf ihm steht die al-Aqsa Moschee, einer der wichtigsten Orte des Islam. Aber auch für das Judentum ist der Ort von höchster Bedeutung, denn es wird vermutet, dass die beiden zerstörten Tempel einmal dort standen. Generell ist das Betreten des Tempelbergs allen erlaubt, aber nur Muslim_innen dürfen dort beten. Diese Regel wird von Israel gesetzlich abgesichert und durchgesetzt.[7]

Proteste begannen aufgrund von Befürchtungen von Palästinenser_innen, dass die Zugangsbedingungen für Muslim_innen von israelischer Seite aus einseitig verschlechtert werden sollten – was Präsident Netanjahu bestritt, der mitteilte, dass der Status Quo aufrecht erhalten werden würde. Diese Befürchtungen wurden von der islamistischen Hamas als auch von der Fatah bestärkt[8], während die Dementi Netanjahus innerhalb der palästinensischen Community sicher nur wenig Glaubwürdigkeit genießen.

Mit der Eskalation der Proteste und den Terrorattacken tritt der Konflikt um den Tempelberg jedoch mehr und mehr in den Hintergrund und die gesamte Frage von Israel-Palästina zeigt ihre maßgebliche Bedeutung für die Situation in Jerusalem.

Schließlich hat der Chef der palästinensischen Autonomiebehörde, Fatah Mitglied Mahmoud Abbas, erst vor kurzem in einer UN-Versammlung deutlich gemacht: Solange sich Israel nicht an das Friedensabkommen von Oslo halte, sähe sich auch die palästinensische Seite nicht zur Einhaltung verpflichtet.[9] Damit war der gesamte „Friedensprozess“ der letzten 22 Jahre in Frage gestellt. Zwar sah sich Israel dazu verpflichtet diese Behauptungen abzustreiten, genehmigte aber nur einen Tag später den Bau weiterer Siedlungen im Westjordanland.[10] Droht jetzt eine dritte Intifada?

Scheinbare Ursachen und wirkliche Gründe

Treten wir nochmal einen Schritt zurück, bevor wir im Sumpf der Ereignisse und Anschuldigungen versinken. Die Sichtweisen könnten kaum gegensätzlicher sein und oftmals bewegen sich die Seiten auf völlig anderen Ebenen der Wahrnehmung.

Zunächst scheint es wichtig festzustellen, dass die Religion und der Zugang zum Tempelberg natürlich eine Rolle in diesem Konflikt spielt. Muslimische Jugendliche, die lautstark für einen alleinigen Zugang zum Tempelberg durch Muslime protestieren, machen das sehr deutlich. Dennoch ist das allein keine Erklärung für die Gewalt, schon gar nicht für Messerattacken auf andere (jüdisch-israelische) Menschen.

Was hier zum Tragen kommt ist die Perspektivlosigkeit einer Generation, die unter israelischer Besatzung und einer korrupten, nationalistischen und/oder fundamentalistischen Regierung von Fatah bzw. Hamas aufgewachsen sind.

Die Hamas, antisemitisch und fundamentalistisch wie eh und je, hat natürlich kein Interesse daran, eine gemeinsame Lösung für Jüd_innen und Muslime zu finden, sondern verfolgt weiterhin eine eskalative Politik, die das Existenzrecht eines jüdischen Staates bestreitet. Für sie, und das sie unterstützende iranische Regime, muss der Konflikt entlang der Religionen weitergetrieben werden – es ist Bedingung ihrer Macht.

Die Fatah wiederum sucht zwar einen Weg der offiziellen Anerkennung, profitiert letztlich aber von der Verwaltung der palästinensischen Gebiete. Sie kann mit dem aktuellen Status der Besatzung gut leben, bei dem immer wieder Brosamen für sie abfallen.[11] Auch die Fatah versucht sich allerdings in der Dämonisierung Israels, wie durch die Gleichsetzung mit dem syrischen Diktator Assad, um ihre eigene Verhandlungsposition auf der internationalen Bühne zu bestärken.[12] Auch sie ist in der nationalistischen Logik gefangen und hat der palästinensischen Bevölkerung genauso wenig anzubieten wie der israelischen.

So ist die palästinensische Jugend und Bevölkerung letztlich führungslos, d.h. sie ist ohne wirkliche Perspektive, um den Konflikt zu entschärfen und vor allem das eigene Leben im Westjordanland, in Gaza und letztlich auch in Israel zu verbessern.[13] Keine der bisherigen Gruppierungen kann den Wünschen der Palästinenser_innen nach nationaler Selbstbestimmung ernsthaft etwas anbieten.

Doch wir kommen nicht umhin, dass dieser Wunsch weiterhin wirkmächtig und wichtig ist. Denn schließlich verwaltet in der Tat der israelische Staat den Zugang zu den palästinensischen Gebieten. Der ist es auch, der neue Siedlungen in der Westbank bestimmt und verteidigt, sowie die militärische Kontrolle besitzt – und ist es auch, der den Zugang zum Tempelberg verwaltet (wenn auch nicht gerade zu Ungunsten der Muslime). Israels Politik ist hier wie die eines jeden nationalen staatlichen Regimes auch: nationalistisch. Und die eigene Bevölkerung genießt Priorität.

Koloniale Fragen & Israels Existenzrecht

Die Frage nationaler Selbstbestimmung führt zurück zum Ursprung der Messerattacken. Es reicht nicht aus, die positiven Zusprüche durch die Hamas zu sehen, um die Motivation hinter den Taten zu verstehen. Es ist ein Bewusstsein von der kolonialen Dimension selbst notwendig, die eine maßgebliche Rolle in dieser Situation spielt.

Frantz Fanon arbeitete heraus, dass die Kolonisierten ihren Status als Menschen dadurch gewinnen, dass sie die Gewalt, die sie erfahren, vom Kopf auf die Füße stellen. Die Zerstörung der kolonialen Welt und ihrer Werte, das verbotene Eindringen in sie – diese Elemente der Gewalt erscheinen als notwendige Mittel der Befreiung. Gewalt, bis zum Mord, ist hier ein Zeichen der Ermächtigung.[14]

Verstehen wir uns nicht falsch. Dies sind keine moralischen Urteile, sondern der Versuch einer Analyse dieser Realität. Fanons Beobachtungen erscheinen allerdings allzu wahr, wenn ein Brüderpaar von 13 und 15 mit Messern Gleichaltrige attackiert.[15]

Auch Antisemitismus wird zumindest bei einigen Taten eine Rolle gespielt haben, wenn nicht bei vielen. Ebenso wird anti-arabischer Rassismus den Racheakt motiviert haben.

Damit ist allerdings nicht gesagt, dass das Judentum ganz dieselbe Rolle einnimmt, wie das Apartheid-Regime in Südafrika. Schließlich entstand der israelische Staat zwar mit Unterstützung der westlichen Staaten, jedoch war das Judentum in einer gänzlich anderen Situation als die niederländischen Kolonialherren, als es sich an seine Staatsgründung machte: Es war die Antwort von Jüdinnen und Juden (und nicht allen) auf eine antisemitische Verfolgung und Diskriminierung die noch heute besteht, wie an den Attentaten in Frankreich auf eine jüdische Schule sehr deutlich wird, um nur ein Beispiel zu nennen.[16]

Dennoch ist diese kulturelle Spaltung entlang der religiösen Linien und entlang der Nationalitäten eine Spaltung, die sich in das neo-koloniale Gefüge eingepasst hat. Die Unterstützung durch den Westen war und ist wichtig für den Staat Israel – und für die Wahrnehmung der Realität in Israel-Palästina durch die Palästinenser_innen spielt die koloniale Geschichte des Empire[17] und des Rassismus gegen die arabische Bevölkerung historisch wie aktuell eine wichtige Rolle. Sie untermauert die materiell existierende Nicht-Unabhängigkeit des palästinensischen Staates.

Wenn wir also davon sprechen, dass die Messerattacken ein Versuch sind, sich an die Stelle des Kolonisierenden zu setzen, dann nicht, um diese Taten zu rechtfertigen, sondern um sie psychologisch nachzuvollziehen.

Denn es besteht eine politische Notwendigkeit, diesen Terror abzulehnen. Nicht nur ist er menschenfeindlich und politisch nicht zielführend (was dasselbe ist). Er ist vor allem auch abzulehnen gegenüber einer Bevölkerung, die im arabischen Raum Vernichtungsfantasien ausgesetzt ist und die bereits den Versuch der kollektiven Vernichtung erfahren hat. Die radikale Linke kann nicht Messerattacken von perspektivlosen Jugendlichen als neue Intifada abfeiern – es gilt sie kritisch abzulehnen und eine bessere, fortschrittliche Perspektive anzubieten.

Wie jedoch kann eine solche Perspektive aussehen – eine der Solidarität zwischen (jüdischen) Israelis und (muslimischen) Palästinenser_innen – angesichts einer real bestehenden Besatzung? Kann es eine Selbstbestimmung für die palästinensische Bevölkerung geben, die über kleiner werdende und zerstückelte Gebiete verteilt ist, bzw. selbst in Israel wohnt – ohne das nationale Selbstbestimmungsrecht der Israelis in Frage zu stellen?

Nationalismus im Nahen Osten

Für große Teile des Judentums hat sich die Frage zwischen Assimilation und Zionismus nach der Shoah eindeutig zugunsten des Zionismus entschieden, und es scheint nach Jahrhunderten von (vorrangig europäischer) Judenverfolgung und insbesondere nach dem Aufkommen des Antisemitismus als Form des modernen Rassismus auch nicht sehr verwunderlich. Doch der Zionismus verbleibt natürlich im Rahmen der nationalen Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft und kann dem nicht entkommen.

Gleiches gilt jedoch ebenso für den arabischen Nationalismus, egal ob als palästinensischer Nationalismus oder als Panarabismus wie man ihn bereits aus der Vergangenheit kennt. Er ist genauso berechtigt wie jedweder Nationalismus einer unterdrückten Nation, und wir wollen hier all diejenigen als Nation verstehen, die sich selbst so identifizieren.

Doch können diese Bestrebungen wirklich die Probleme des Kapitalismus, den Konkurrenzkampf um Boden, die Ausbeutung, und den Rassismus (egal ob anti-arabisch oder antisemitisch) lösen? Das scheint nach all den Erfahrungen doch mehr als zweifelhaft. Der Nationalismus für Israel konnte den Antisemitismus auch nicht abschaffen. Er kann nur eine ständig umkämpfte und, wie die derzeitigen Attacken zeigen, auch nie 100 % wirksame Schutzzone sein. Diese Schutzzone ist nur durch die Unterdrückung anderer Nationen überhaupt denkbar.

Eine Perspektive der gegenseitigen Anerkennung

Es ist notwendig, dass beide Seiten ihre historische Verfolgung und Unterdrückung anerkennen. Beide Seiten haben nicht vom Kapitalismus profitiert, sondern die Mehrheiten dieser Bevölkerungen waren und sind Opfer seiner mörderischen Ideologien.

Doch diese Anerkennung kann es nur von den unterdrückten Bevölkerungen selbst geben, die beständig Gewalt durch Rassismus und Kapitalismus erfahren. Es muss begonnen werden eine gemeinsame Sprache darüber zu sprechen, welche Traumata erlitten wurden. Die Wunden der kapitalistischen Barbarei als ähnliche zu verstehen ist eine notwendige Vorbedingung für eine internationalistische und solidarische Lösung.

Das bedeutet auch eine gemeinsame Antwort auf die aktuellen Probleme zu formulieren, d.h. den religiösen Fundamentalismus, den Rassismus, den Nationalismus – und nicht zuletzt die Armut und die Lohnausbeutung. Es muss einen aktiven Verständigungsprozess von unten geben – und einen aktiven Kampf gegen die Ressentiments innerhalb der eigenen Bevölkerung.

Die Besatzung durch den israelischen Staat muss enden, indem die israelische Bevölkerung sie als reaktionär bekämpft und die palästinensische Bevölkerung in ihrem Wunsch um nationale Unabhängigkeit unterstützt. Steine gegen Panzer sind tatsächlich etwas anderes als Messer gegen Zivilist_innen.

Die antisemitische Bedrohung, die gestützt wird durch regionale Regime im Nahen Osten, muss durch die palästinensische Bevölkerung, ja, durch muslimischen Arbeiter_innen im gesamten arabischen Raum, bekämpft werden. Der politische Kampf gegen Besatzung darf nicht dasselbe sein wie antisemitische Vernichtungsfantasien.

In beiden Gesellschaften muss der Kultur-Rassismus bekämpft werden. Er ist epistemische und physische Gewalt, welche keine Lösung bringen kann.

Gleiches gilt für den nationalistischen „Friedensprozess“, in dem sowohl die bisherige Führung der Palästinenser_innen als auch die israelische Führung natürlich immer daran interessiert sein werden, ihren Staat wirkmächtig zu erhalten (bzw. zu schaffen). Ihnen geht es gar nicht um eine menschliche Perspektive der Solidarität – und kann es auch nicht. Beide Führungen benutzen, auf unterschiedliche Weisen und in unterschiedlichem Maßstab, Rassismus, um ihre Position zu bestärken.

Deutlich soll hier festgestellt werden, dass es nicht um einen moralischen Relativismus oder um Schuldzuweisung geht, auch wenn es in der konkreten Eskalation durchaus Schuldige gibt. Zur Diskussion steht viel mehr ein politisches Problem mit einer Geschichte, in der sich verschiedene Unterdrückungsformen verbinden. Es soll eine politische Lösung gefunden werden, die in diesem Kontext maßgeblich von einer emphatischen gegenseitigen Zugänglichkeit abhängig ist. Es steht hier nicht zur Debatte, was schlimmer ist – sondern wie der gewalttätige Status Quo überwunden werden kann.

Das Schweigen der Linken

Abseits von der Diskriminierungserfahrung der Jüdinnen und Juden sowie der Muslime der gesamten Welt gibt es jedoch auch Notwendigkeiten für die radikale Linke hier. Denn schließlich sind die Interventionen imperialistischer Staaten – und Deutschland ist nicht nur Anhängsel, sondern aktiver Täter – mit-verantwortlich für die reaktionären Diktaturen und die nationalistischen Kämpfe. Damit ist nicht nur der Westen gemeint, denn auch Russland, China und Indien, usw. profitieren davon.[18]

Ohne die globale Ausbeutung wären die Verarmung der Staaten und das Aufrechterhalten der Diktaturen gar nicht möglich. Deutschland verkauft nicht nur Waffen an alle Welt, sondern handelt auch mit der iranischen Diktatur.[19] Alle wollen mit dem Assad Regime verhandeln, denn letztlich ist die Bevölkerung dieser Länder völlig egal, solange die Zugänge stimmen.[20] Auch der Zerfall von Staaten, wie in Libyen, kann nützlich sein, wenn sich dafür ein unliebsamer Diktatur nicht gegen die Kapitalinteressen richten kann.

Der Konflikt um Israel-Palästina ist niemals nur ein Konflikt um diese beiden Staaten. Er fügt sich ein in den globalen kapitalistischen Gesamtrahmen – und die Nation in der wir leben trägt ihre Verantwortung daran.

Es scheint daher wichtig, einige grundlegende Dinge für die radikale Linke festzuhalten.

Derzeit ist der Konflikt in Deutschland um Israel-Palästina scheinbar beigelegt: Die härtesten Streits der radikalen Linken haben sich aufgelöst und ein gewisser Konsens scheint zu existieren, um konkret politisch zusammenzuarbeiten – oder man resigniert gegenüber der anderen Seite und meidet die Debatte komplett. Dieses Nicht-Diskutieren verdeckt aber nur die realen Differenzen die weiterhin bestehen. Vor allem hilft das Ausweichen aber nicht dabei, bessere Positionen zu entwickeln, sowie fragwürdige und reaktionäre Positionen innerhalb der radikalen Linken anzusprechen und zu überwinden. Wir können die Unterschiede nicht ignorieren, sonst werden sie uns auf die Füße fallen.

Wir können nicht, um uns einer arabischen Jugend anzunähern, unsere Kritik an antisemitischen Positionen aufgeben – und es gibt sie. Dass wir die Perspektivlosigkeit verstehen, heißt nicht, dass wir Messer-Terror gutheißen können. Antisemitismus ist dabei nicht einfach importiert, sondern ein deutsches Phänomen.

Gleichzeitig kann es nicht sein, dass wir anti-arabischen und anti-muslimischen Rassismus innerhalb der radikalen Linken dulden. Wir müssen die Wahrnehmung der neo-kolonial Unterdrückten ernst nehmen, für die das persönlich erfahrene Leid, die vielen Toten durch die Besatzung, prioritär ist.

Beide Gruppierungen erfahren im Kapitalismus Verfolgung und Rassismus und ihnen gebührt unsere Solidarität. Gleichzeitig dürfen wir unsere Kritik nicht verheimlichen, um uns ihrer nationalistischen – und teils reaktionären – Führung anzunähern. Unsere Verbündeten sind diejenigen, die innerhalb dieser Communitys für Solidarität, Internationalismus und Verständnis um andere Unterdrückungsformen kämpfen.

Außerdem sollten wir nicht glauben, dass der Konflikt allein in Israel-Palästina, allein von den rassistisch Unterdrückten, gelöst werden kann. Die Stabilität der imperialistischen Ausbeutungsregime ist bedingend für die Realität im Nahen Osten. Soziale Kämpfe hier, und ein internationalistisches, klassenkämpferisches Bewusstsein von Seiten der Bevölkerung, sind wichtige Mittel, um eine fortschrittliche Perspektive für die unterdrückten Minderheiten abseits vom Kapitalismus aufzuzeigen.

Die radikale Linke befindet sich weiterhin in einer Haltung der Blockbildung und einseitigen Verteidigung. Oftmals hat dies einen Charakter von Identitäts-Stiftung. Selten geht es darum, die andere Seite der Debatte ernsthaft nachzuvollziehen oder die eigenen Positionen kritisch zu reflektieren. Begriffe werden verteidigt oder bekämpft als bedeuteten sie die eigene Existenz. Die politische Debatte innerhalb der radikalen Linken scheint unmöglich ohne gegenseitige Feindkonstruktion. Dies ist ein beständiger Fallstrick. Wir können ihn nur dadurch überwinden, dass wir ehrlich miteinander sprechen.

Dies wird nur dann möglich sein, wenn wir anerkennen, dass wir uns oftmals in völlig unterschiedlichen sprachlichen und inhaltlichen Welten bewegen. Nur über eine solidarische Debatte – mit denjenigen, mit denen sie möglich ist! – können wir eine gemeinsame Sprache entwickeln, die überhaupt die Möglichkeit für Verständigung schafft. Das bedeutet aber zunächst, die Gegenseite in ihren Bedenken ernst zu nehmen, anstatt sie kategorisch aus der Linken auszuschließen.

Diese Position hat Grenzen. Diese Grenze wird aber nur durch eine ehrliche Kritik und Willen zur Selbstreflexion deutlich zu ziehen seien. Sonst verbleibt ein verschwommenes Feindbild, gefüllt voller Vorurteile, Ablehnung und Unverständnis. Für uns selbst als politische Aktivist_innen und den realen Konflikt, der sicher einer der komplexesten der kapitalistischen Welt ist, ist dies eine unhaltbare Situation. Das muss geändert werden.


[1] Al Jazeera (13.10.2015): Palestinian killed by Israeli forces in Bethlehem; http://www.aljazeera.com/news/2015/10/israel-palestine-stabbing-shooting-death-injuries-151013065609052.html

[2] Haaretz (13.10.2015): LIVE UPDATES: Multiple Terror Attacks in Jerusalem and Central Israel Leave 3 Dead (Haaretz, Barak Ravid, Nir Hasson, Yaniv Kubovich and Ido Efrati); http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/1.680124

[3] Der politischen Klarheit halber wird hier im weiteren Text von Palästinenser_innen geschrieben. Sollte es spezifisch um arabische Israelis gehen, wird dies gesondert angemerkt.

[4] FAZ (05.10.2015): Netanjahu verspricht „Kampf bis zum Tod“; http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/israel-netanjahu-verspricht-kampf-bis-zum-tod-13839201.html

[5] Tagesspiegel (13.10.2015): Serie von Messerattacken verunsichert jüdische Bevölkerung; http://www.tagesspiegel.de/politik/israel-serie-von-messerattacken-verunsichert-juedische-bevoelkerung/12443370.html

[6] The Washington Post (13.10.2015): Palestinians kill 3 Israelis as violence mounts in ‘day of rage’ (William Booth & Ruth Eglash); https://www.washingtonpost.com/world/middle_east/palestinians-kill-3-israelis-as-violence-mounts-in-day-of-rage/2015/10/13/b190828a-1ae0-4456-b165-63692229f9f6_story.html

USA Today (13.10.2015): Three Israelis killed in renewed Palestinian violence; http://www.usatoday.com/story/news/world/2015/10/13/israel-attacks-two-dead/73855042/

[7] Israel Pulse (22.09.2015): Temple Mount’s contentious history (Akiva Eldar); http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2015/09/israel-temple-mount-jewish-far-right-extremism-provocation.html

[8] Es scheint von hier aus schwer festzustellen ob sie der Initiator dieser Befürchtungen waren oder sie nur bestärkten. Worte wie die von Abbas zeigen allerdings deutlich, dass die religiöse und nationalistische Dimension ganz bewusst befördert wird: „Die Aksa-Moschee gehört uns, und die Juden haben kein Recht, sie mit ihren dreckigen Füßen zu schänden. Wir segnen jeden Tropfen Blut, der für Jerusalem vergossen worden ist, denn es ist echtes, reines Blut, das für Allah vergossen wurde. Jeder Märtyrer wird ins Paradies kommen, und jeder Verwundete wird von Allah belohnt werden.“ – Fisch und Fleisch (14.10.2015): Ein Elend namens Nahostberichterstattung (Alex Feuerherdt); https://www.fischundfleisch.com/blogs/politik/ein-elend-namens-nahostberichterstattung.html

[9] The New York Times (01.10.2015): Mahmoud Abbas Gives Up on Peace (Editorial Board); http://www.nytimes.com/2015/10/02/opinion/mahmoud-abbas-gives-up-on-peace.html?_r=0

[10] Haaretz (02.10.2015): Netanyahu’s Cabinet Proves: Abbas Was Right (Haaretz Editorial); http://www.haaretz.com/opinion/1.678500

[11] FAZ (11.10.2015): Gewalt greift auf Gaza über (Hans-Christian Rössler): “Am Beginn der vergangenen Woche hatte Abbas seine Sicherheitskräfte angewiesen, hart durchzugreifen. Doch aus seiner Umgebung heißt es, dass es den Polizeikräften immer schwerer falle, palästinensische Demonstranten aufzuhalten, die auf israelische Stützpunkte zumarschieren. Palästinenser werfen ihrer Regierung vor, mit Israel zusammenzuarbeiten, statt sie zu schützen.“ (Hervorhebung von mir); http://www.faz.net/aktuell/politik/furcht-in-israel-vor-neuem-konflikt-waechst-13850996.html

[12] Die Presse (13.10.2015): „Israel ist schlimmer als alle anderen Regime“ (Christian Ultsch); http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4841710/Israel-ist-schlimmer-als-alle-anderen-Regime

[13] Haaretz (12.10.2015): Israel Must Do What It Can to Prevent a New Gaza War (Haaretz Editorial); http://www.haaretz.com/opinion/1.679934

[14] Frantz Fanon, Concerning Violence: “The naked truth of decolonization evokes for us the searing bullets and bloodstained knives which emanate from it. For if the last shall be first, this will only come to pass after a murderous and decisive struggle between the two protagonists. That affirmed intention to place the last at the head of things, and to make them climb at a pace (too quickly, some say) the well-known steps which characterize an organized society, can only triumph if we use all means to turn the scale, including, of course, that of violence. […] The violence which has ruled over the ordering of the colonial world, which has ceaselessly drummed the rhythm for the destruction of native social forms and broken up without reserve the systems of reference of the economy, the customs of dress and external life, that same violence will be claimed and taken over by the native at the moment when, deciding to embody history in his own person, he surges into the forbidden quarters.” (Hervorhebung von mir) http://www.openanthropology.org/fanonviolence.htm

[15] FAZ (13.10.2015): Israel fürchtet neue Terrorwelle (Hans-Christian Rössler); http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/anschlaege-in-jerusalem-israel-fuerchtet-neue-terror-welle-13853933.html

Die Ereignisse rufen diese Anekdote brutaler Gewalt von Fanon Erinnerung: „,Zwei algerische Jungen von 13 und 14 Jahren ermorden ihren europäischen Spielkameraden‘ ohne mit ihm Streit gehabt zu haben. Als einzige Begründung geben sie an, dass auch die Franzosen Algerier ohne Begründung töten würden. Eigentlich hätten sie vorgehabt, im Maquis, im Untergrund, zu kämpfen. Da sie dafür noch zu klein seien, hätten sie sich zur Tötung des Spielkameraden entschlossen. ;Aber warum gerade ihn?‘ – ,Weil er mit uns spielte. Ein anderer wäre nicht mit uns dort raufgegangen.‘ Junge Welt (20.07.2015): Psychologie der Gewalt (Sabine Kebir) https://www.jungewelt.de/2015/07-20/005.php

[16] Es sollte auch nicht vergessen werden, dass diese Unterstützung durch z.B. die USA für viele Staaten galt, die sich damals von Großbritannien unabhängig machten (z.B. Indien).

[17] Arundhati Roy: An Ordinary Person’s Guide to Empire (Auswahl von Zitaten); http://www.thirdworldtraveler.com/Arundhati_Roy/Guide_To_Empire.html

[18] Imperialismus soll hier vor allem als politisch-historisches Zeitalter verstanden werden, sowie über die Rolle die bestimmte Staaten in bestimmten Konflikten einnehmen. Es ist hier nicht der Raum zu diskutieren, ob die VR China „imperialistisch ist oder nicht“. Zweifellos spielen aber Russland und die USA in Syrien bspw. eine sehr ähnliche Rolle: Für ihre Interessen intervenieren sie militärisch, mal für jenen, mal für einen anderen Diktator.

[19] Jungle World (30.07.2015): Brüder, zum Platz an der Sonne (Detlef zum Winkel); http://jungle-world.com/artikel/2015/31/52401.html

[20] Jungle World (01.10.2015): Das große Palaver (Oliver M. Piecha); http://jungle-world.com/artikel/2015/40/52775.html

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